trendtalk: Arbeitsweise im Journalismus zunehmend fragwürdig?

Journalismus zwischen extremer Schnelligkeit und hoher Qualität: Lässt sich beides miteinander vereinbaren?
trendquest trendtalk 2. April 2015

Unglücke und Naturkatastrophen ermöglichen in besonderem Maße Einblicke in die Arbeitsweise von Journalisten und Medienschaffenden. Anders als im normalen Redaktionsalltag bleibt hier oft (zumindest gefühlt) weniger Zeit für Recherche und Quellenprüfung. Ist dafür in Zeiten der Real-Time-Berichterstattung noch Zeit und wird der Aufwand auf Zuschauer-/Leserseite überhaupt gewürdigt? Oder werden die Arbeitsweisen im Journalismus zunehmend fragwürdig?

Diesen Thesen diskutierten am 2. April 2015 in einem trendquest trendtalk mit dem Thema Zukunft des Journalismus – Wahrheit oder „Pflicht“? Meinung, ‘Lügenpresse’, Ethik, Infowar:

Die Kritik an den Nachrichtenmedien ist lauter geworden. Vielleicht zu Recht vor dem Hintergrund der Medien-Berichterstattung über das Flug-Unglück des Germanwings-Airbus am 24.März 2015? Wie steht es um Recherche, Pietät und Ethik? Die Arbeitsweise einiger Medien erscheint mir persönlich vor allem in Extremsituationen manchmal fragwürdig. Mit dieser Einschätzung bin ich nicht alleine.

Positionen vom trendtalk

Auf die Spitze getrieben: Jan Böhmermann hat mit seinem #Varoufake die Diskussion um die Qualität aktueller Berichterstattung und die Arbeitsweise im Journalismus immens befeuert

Offiziell: Das britische Militär will mit der in diesem Jahr neu geschaffenen Einheit Brigade 77 die Köpfe und “die Herzen der Menschen gewinnen” – Moderne Kriegsführung im Informationszeitalter

Nachrichten werden immer irgendwie verfälscht – durch weglassen, durch Headlines und auch durch die pure Nachrichtenflut

Print und Online-Medien trennen sich zunehmend in ihrer Ausrichtung. Print geht hin zu Hintergrundbericht und Analyse (man denke an die ZEIT oder die Wochenendausgabe der Sueddeutschen Zeitung) und immer stärker weg von tagesaktuellen Nachrichten.

Die Rolle von regionalen Tageszeitungen könnten künftig durch hyperlokale Blogs übernommen werden. Ein gutes Beispiel dafür ist Hamburg mittendrin

Mittlerweile ist in bestimmten Bereichen sogar Software im Einsatz, die aus Fakten eigene Artikel verfasst. Insbesondere bei Börsen-News oder Sportnachrichten beginnt langsam die Automatisierung der Berichterstattung

Trendforscher Matthias Kunze: “Meine Prognose: Irgendwann wird der Mensch für bestimmte Themen nur noch Rohinformationen eingeben müssen und die Maschine schreibt daraus Artikel.”

Reaktion aus dem Publikum: “Irgendwann gibt es also nur noch Blogger und Maschinen?”

Wir brauchen eine Alternative zu klassischen Medien. Es gibt Ansätze wie krautreporter

Learnings für die Unternehmenskommunikation

Aus den diskutierten Positionen ergeben sich einige Erkenntnisse, die für die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen von hoher Bedeutung sind: Headlines zählen immer mehr als echte Inhalte. In der Informationsflut wird es nahezu unvorhersehbar, welche Themen fliegen und welche versanden. Die Rolle des einordnenden, selektierenden und quellenprüfenden Journalisten ist zunehmend bedroht – gleichzeitig schwindet sein Einfluss durch die unzähligen Informationsquellen.

Auf Seite der Journalisten, aber auch der Social-Network-Nutzer wünsche ich mir manchmal mehr Fakten, weniger Sensationsgier und vor allem mehr Gespür dafür, welche Auswirkungen die veröffentlichten Beiträge auf Unternehmen, oder – wie im Falle des Germanwings-Unglücks – für Opfer, Täter und Angehörige beider Seiten(!) haben.

Wo steht der Journalismus – und brauchen wir einen neuen Journalismus? Klare und eindeutige Antworten darauf sind derzeit schwer zu finden – man merkt nur: auch dieses Berufsfeld befindet sich in einem digitalen Wandel, dessen Ergebnis aktuell noch nicht klar vorhersehbar ist. Passend dazu ein Schlusswort von Isabell Stronczek: “Ich hoffe, der Journalismus kriegt die Kurve, damit es mit der Qualität wieder aufwärts geht.”

Wie empfinden Sie die Berichterstattung in den Medien? Werden Journalistinnen und Journalisten ihrer Verantwortung noch gerecht? Und welche Rolle spielen für Sie die News aus sozialen Netzwerken? Diskutieren Sie gerne in den Kommentaren 🙂

Fotos: Holger Rings

Von |2018-12-21T16:33:19+00:0004.04.2015|Tags: , , |

Über den Autor:

Holger bringt mit seinem Team die Themen seiner Unternehmenskunden online - Als Spezialist für Online-Auftritte berät er im Bereich Social Media, Public Relations und Online Pressearbeit . Der Gründer und Geschäftsführer der Rings Kommunikation GmbH in Hamburg konzipiert und steuert Internet-Projekte für seine Kunden. Er arbeitet gerne "hands on" und verreist selten ohne Laptop, mobilen Internetzugang und Fotoapparat.