Wie man ohne zu hören als Team kommuniziert: Workshop zum Diversity Day 2026

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Passend zum Deutschen Diversity-Tag am 19. Mai wagten wir erneut einen Perspektivwechsel. Dieses Mal zum Thema Gehörlosigkeit. Wie erleben Menschen mit eingeschränktem Gehör die Welt und welche Hindernisse begegnen ihnen im Alltag? Um das selbst erfahren zu können, haben wir als Team den “Dialog im Stillen” in Hamburg durchlaufen.

Projekte & Agentur

Der “Dialog im Stillen” ist eine Führung im Dialoghaus Hamburg, die Hörenden ermöglicht, temporär in die Lebensrealität von gehörlosen Menschen einzutauchen. Was wir dabei erlebt und gelernt haben, darüber berichten wir im Folgenden. 

Ein schlechtes Gehör sieht man niemandem an

Gehörlosigkeit ist eine unsichtbare Behinderung. Im Gegensatz zu vielen anderen Behinderungen, wie Blindheit oder körperlichen Einschränkungen, kann man einer Person ihre Gehörlosigkeit auf den ersten Blick nicht ansehen. Für eine möglichst realistische Erfahrung bekamen wir zur Führung schalldämmende Kopfhörer und mussten uns ausschließlich über Mimik, Gesten und Gebärden verständigen.

Das Dialoghaus in der Hamburger Speicherstadt
Das Dialoghaus in der Hamburger Speicherstadt || Credit: Dialoghaus Hamburg / Johannes Treß

Angeleitet wurden wir dabei von einem gehörlosen Mitarbeiter des Dialoghauses. Gleich zu Beginn wurde uns die Unsichtbarkeit von Gehörlosigkeit bewusst, denn ohne Vorabinfo war sich unser Team anfangs nicht ganz sicher, ob der Mann vor uns tatsächlich gehörlos ist oder nur anlässlich der Führung ausschließlich über Mimik, Gesten und Gebärdensprache mit uns kommuniziert.

Wir durchliefen mehrere Stationen, durch die wir nach und nach an die non-verbale Kommunikation herangeführt wurden. Angefangen bei der Kommunikation mit reiner Mimik als Reaktion auf verschiedene Bilder, über weit verbreitete Handzeichen wie dem Herz, lernten wir im weiteren Verlauf der Führung auch verschiedene Zeichen in der Gebärdensprache. Vor allem das Quiz um die richtigen Gebärden für Tiere wie Schildkröte, Katze, Fisch und Strauß war sehr kurzweilig und ist uns in Erinnerung geblieben. 

Die größte Herausforderung war die letzte Station: In kleinen Gruppen haben wir versucht, uns jeweils wechselseitig ohne Worte ein Bild aus Bausteinen so zu beschreiben, dass unser Gegenüber es mit den Bausteinen korrekt nachbauen konnte. Die Baumeister:innen hatten vor sich eine Box mit vielen bunten Bauklötzen und kleinen Figuren. Sie waren allein auf die Gesten der Architekt:innen gegenüber angewiesen, um das Bild, das sie nicht sehen konnten, mit den Bauklötzen nachzubauen. Sagen wir es kurz: Es war eine sehr spaßige Runde – vor allem beim Aufdecken der Ergebnisse.

Pressefoto des Dialoghauses: Zwei junge Frauen versuchen sich an der Station mit dem Bauklotz-Spiel.
Ein Foto des Dialoghauses Hamburg zur Station mit den Bauklötzen – wir selbst hatten alle Hände voll zu tun und konnten hier leider nicht selbst fotografieren. || Credit: Dialoghaus Hamburg / Johannes Treß

In der Abschlussdiskussion “löcherten” wir unseren Ansprechpartner für die Führung dank einer Dolmetscherin mit zahlreichen Fragen. Dabei wurden uns viele Dinge bewusst, über die wir als Hörende selten nachdenken. Hindernisse im Alltag, die einem nicht auffallen: Zum Beispiel die Durchsage im Zug, dass der nächste Halt außerplanmäßig Duisburg statt Düsseldorf ist und dass der Zug anschließend nach Bottrop statt nach Hamburg weiterfährt. Oder auch die Frage “Wie rufe ich als Gehörlose:r eigentlich die Feuerwehr, wenn es brennt oder es einen Unfall gegeben hat?“ Nicht für alles gibt es bisher eine befriedigende Lösung. Bei Behördengängen müssen Gehörlose übrigens oft selbst einen Dolmetscher organisieren und bezahlen. Spätestens beim Zug-Beispiel wurde uns aber klar: Solche Hindernisse betreffen nicht nur Gehörlose. Man muss nicht mal schwerhörig sein und trotzdem versteht man an belebten Bahnhöfen nicht immer, von welchem neuen Gleis der gebuchte Zug in drei Minuten abfahren wird.

Angeregte Diskussion nach diesem neuen Erlebnis

Nach der Führung kamen wir schnell in einen regen Austausch über unsere eigenen Erfahrungen. Es war spürbar, dass bei jedem von uns Gedankengänge angestoßen wurden und wir uns noch ein Stück bewusster durch das Leben bewegen wollen. Nach und nach sind uns weitere Dinge aufgefallen, die für gehörlose Menschen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.

Teamfoto vor Ort am Eingang zur Ausstellung "Dialog im Stillen"
Nicol, Nick, Manuel, Viktor, Celina, Ramona und Jana, Reihe vorne: Holger

Insbesondere der Fakt, dass die deutsche Gebärdensprache (DGS) bis 2002 in Deutschland nicht als Sprache anerkannt war, hat uns doch sehr überrascht. Dass sie bis heute nicht als offizielle Amtssprache in Deutschland gilt, empfinde ich aus meiner persönlichen Sicht als rückständig. Die Anerkennung der DGS als Amtssprache würde zum Beispiel zur Folge haben, dass die Sprache verpflichtend in Schulen gelehrt wird, oder Behördengänge mit Dolmetscher vereinfacht werden. Damit wäre den ca. 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland enorm geholfen. 

Wer sich für weiterführende Informationen zum Thema Gehörlosigkeit und der Deutschen Gebärdensprache interessiert, kann diese beim Deutschen Gehörlosenbund finden.

Der Perspektivwechsel war eine großartige Möglichkeit, in das Erleben von hörgeschädigten und gehörlosen Menschen einzutauchen.

Fazit: Lippenlesen ist keine Lösung

In der Führung haben wir am eigenen Leib erfahren, wie schwer es sein kann, sich nur mit Gesten, Mimik und in unserem Fall sehr eingeschränkter Gebärdensprache zu unterhalten. Dabei waren wir hier noch in einer kontrollierten Umgebung und hatten Hilfe von einem Experten. Das muss ein großer Unterschied zur tatsächlichen Erfahrung einer gehörlosen Person in einer Gesellschaft aus größtenteils hörenden Personen sein. Genauso wie wir ausgeschlossen sind, wenn sich eine Gruppe flüssig in der Gebärdensprache unterhält.

Die Einblicke helfen uns, noch besser zu verstehen, was ein schlechtes Gehör oder Gehörlosigkeit bedeuten kann.

Die einprägsame Erfahrung, phasenweise nicht oder nur schwer verstanden zu werden, oder sich selbst nicht wie gewohnt verständigen zu können, hat uns ehrlich berührt. Lippenlesen hilft da nur bedingt. Dank dem Dialoghaus Hamburg gehen wir ein Stück aufmerksamer durch die Welt und halten Ausschau nach Möglichkeiten, um auch unsere digitalen Services, Webseiten und Projekte für gehörlose Menschen zugänglicher zu gestalten.

Eckiges schwarz-weiß Portrait von Holger Rings.
Die Teilnahme an der Führung “Dialog im Stillen” verstehen wir als Teil unserer Selbstverpflichtung, uns aktiv für Diversität in der Arbeitswelt einzusetzen. Als sichtbares Zeichen unseres Engagements haben wir im Jahr 2022 die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Mehr darüber und unsere weiteren Projekte als verantwortlich handelndes Unternehmen erfahren Sie im Bereich Corporate Social Responsibility.

 

Holger Rings, Geschäftsführer