Filterblasen und wie man sie zum Platzen bringt

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“The Internet is showing us what it thinks we want to see, but not necessarily what we need to see”, sagte der Aktivist und Politikwissenschaftler Eli Pariser in seinem TED-Talk  bereits vor 10 Jahren – im März 2011. Er beschreibt in seinem Buch „The Filter Bubble: What The Internet Is Hiding From You“ erstmals wie personalisierte Algorithmen darüber entscheiden, welche Inhalte in unseren NewsFeeds, Timelines oder Suchergebnissen angezeigt werden und welche nicht. Damit prägte er den Begriff „Filterblase“, welcher mittlerweile sogar in den Duden aufgenommen wurde und über den weiterhin viel diskutiert wird.

Digitales & Diverses

Filterblasen bezeichnen einseitige Informationsräume: Die Befürchtung ist, dass Nutzer:innen hauptsächlich solche Beiträge angezeigt werden, die den persönlichen Interessen entsprechen und somit eine Informationswelt geschaffen wird, die nur noch aus homogenen Weltansichten besteht. Basierend auf individuellem Such- und Klickverhalten können zwei Menschen nach demselben Begriff suchen, bekommen aber unterschiedliche Ergebnisse angezeigt. Verantwortlich dafür sind sogenannte personalisierte Algorithmen. Mithilfe von Trackern und ebendiesen Algorithmen wird das Online-Verhalten verfolgt und analysiert. Dies bezieht sich nicht nur auf Suchmaschinen, sondern auf das gesamte Internet, beispielsweise auch auf Social Media-Plattformen. Algorithmen sorgen dafür, dass nur noch Inhalte in der Timeline auftauchen, die unseren Interessen und Weltansichten entsprechen. Je mehr personalisierte Informationen getrackt werden, desto kleiner wird die eigene Filterblase.

Algorithmen und wie sie funktionieren

Nur was sind eigentlich Algorithmen? Wenn man den Begriff weitgefasst definiert, gehören alle eindeutigen Handlungsanweisungen dazu, die das Ziel haben, ein Problem zu lösen. Dabei müssen die Anweisungen Schritt für Schritt und in einer vorgegebenen Reihenfolge definiert sein. Dabei werden Eingabedaten in Ausgabedaten umgewandelt.

Ein Beispiel aus dem Alltag ist die Zubereitung eines Kuchens. Nimmt man ein Rezept für einen Kuchen, so müssen mehrere Schritte in einer festgelegten Abfolge durchgeführt werden, um am Ende den gewünschten Kuchen zu erhalten. Die Zutaten werden während des Prozesses in einen Kuchen umgewandelt. Auch Bau- und Bastelanleitungen, Malen nach Zahlen oder Gebrauchsanweisungen sind Algorithmen. Im technischen Sinne ist für einen Algorithmus, der von einem Computer ausgeführt werden kann, besonders wichtig, dass die Schritte der Handlungsanweisung eindeutig sind und sequenziell abgearbeitet werden können. Sie müssen endlich sein und es muss Bedingungen geben, die beschreiben, wann bestimmte Schritte ausgeführt oder wiederholt werden sollen. Ein Algorithmus ist unabhängig von Programmiersprachen.

Kurz gesagt: ein Algorithmus ist eine Kette von Anweisungen, die beschreiben, wie etwas gemacht werden soll.

Im Internet beziehungsweise auf Online-Plattformen werden Algorithmen in den meisten Fällen eingesetzt, um Nutzerdaten wie beispielsweise Informationen zum Klickverhalten, zu sammeln. So ein Algorithmus könnte registrieren, ob Nutzer:innen auf Werbeanzeige A oder B oder auf keine von beiden klicken. Aufgrund dieses Verhaltens werden nachkommende Werbeanzeigen durch den Algorithmus individuell auf Nutzer:innen und ihre jeweiligen Interessen angepasst. Ziel des Trackings ist es, Zielgruppen für Produktplatzierungen zu erfassen. Aber nicht nur für solche Zwecke werden Algorithmen eingesetzt. Sie berechnen uns die kürzesten Wege im Navi, verschlüsseln unsere Daten beim Online-Banking, überprüfen unsere E-Mails auf Rechtschreibfehler und schlagen uns passende Partner beim Online-Dating vor. Ohne es zu merken sind sie ein großer – kaum sichtbarer – Bestandteil unseres Alltags geworden, die uns allerlei Komfort bieten aber eben auch Nachteile mit sich bringen können.

Ein weiteres Anwendungsfeld, welches durch die immer größer werdende Entwicklung im „Big Data“-Bereich vorangetrieben wird, ist die Künstliche Intelligenz. Gerade in Bezug auf Entscheidungsfindungen werden immer häufiger lernfähige Algorithmen verwendet zum Beispiel in den Bereichen Kreditwürdigkeitsüberprüfungen, Entscheidungen über die Auszahlung von Sozialleistungen bis hin zu Organtransplantationen.

Zweifelsohne erleichtern alle diese Algorithmen unseren Alltag und bedeuten gleichzeitig eine große Zeitersparnis. Die Vorsortierung von Inhalten nach Relevanz und persönlichen Vorlieben lässt sich bei der Menge an Beiträgen und News schwer selbst durchführen. Innerhalb einer Filterblase bekommt man automatisch alles mit, was für einen selbst wichtig ist. Da das Internet mitunter auch ein konfliktbehafteter Ort sein kann, sorgt sie dafür, dass wir uns wohl fühlen inmitten von Themen und Ansichten, mit denen wir vertraut sind.

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Foto: CC0 1.0, Pixabay User geralt / Ausschnitt bearbeitet

Filterblasen – Eine Gefahr für die Meinungsbildung?

Der Einsatz von Algorithmen ist nur eines nicht: unproblematisch, auch wenn es sehr viele offensichtliche Vorteile gibt. Algorithmen werden von Menschen programmiert und können daher auch Fehler enthalten und sogar Menschen diskriminieren. Die gemeinnützige Organisation „Algorithm Watch“  beleuchtet algorithmische Entscheidungsprozesse und macht sie sichtbar.

Filterblasen existieren nicht nur online, sondern auch auf analoger Ebene und sind daher kein Phänomen, welches erst mit dem Internet auftauchte. Bücher, Freundeskreise oder Fernseh- und Radiosendungen werden ebenso nach persönlichen Vorlieben ausgewählt. Im Gegensatz zu personalisierten Algorithmen, wird die Selektion dieser Dinge jedoch bewusst selbst entschieden. Online-Filterblasen entstehen, ohne dass Nutzer:innen wissen, welche Inhalte außerhalb der Blase existieren und welche ihnen verborgen bleiben. Dieser Prozess verstärkt sich im Laufe der Zeit, je mehr persönliche Daten gesammelt werden. Da Nutzer:innen nur noch in ihren eigenen Meinungen und Weltansichten bestätigt und bestärkt werden, führt dies zu einem problematischen Effekt: Die Verzerrung von Wirklichkeiten. Es entsteht der Eindruck, dass die eigene Meinung die einzig Richtige ist. Die befürchteten gesellschaftlichen Folgen sind eine starke Fragmentierung von Teilöffentlichkeiten, Polarisierung und eine Radikalisierung des öffentlichen Diskurses. Studien, die diese Problematik untersuchten, fanden jedoch heraus, dass Personalisierungsprozesse von Algorithmen manchmal auch überschätzt und der Filterblaseneffekt zu einfach konstruiert und pauschalisiert wird, um den Meinungsbildungsabläufen gerecht zu werden. Das heißt: Man landet nicht so schnell in einer Filterblase, wie man denkt. Es gibt aber dennoch Hinweise auf diese Tendenzen, die verstärkt (aber nicht nur) extremere Gruppierungen betreffen. Dies begründet sich auch darin, dass der Prozess für Menschen mit einschlägigen Interessen ausgeprägter ist.

Wie die Blase platzt

Doch wie kann man der Filterblase entkommen? Insbesondere die fehlende Algorithmen-Transparenz sorgt dafür, dass sich ein Durchbrechen der Blase schwierig gestaltet, wenn man erst einmal hineingeraten ist. Mithilfe des Online-Tools www.filterbubble.lu kann getestet werden, wie tief man selbst in einer Filterblase steckt und was man dagegen tun kann.

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Zusätzlich kann man in Sozialen Netzwerken bewusst Gruppen oder Profilen folgen, deren Meinungen und Ansichten man nicht teilt. So bekommt man auch Inhalte zu sehen, die einem zwar nicht gefallen, aber vielleicht trotzdem den eigenen Horizont erweitern.

Auch spezielle Inhaltsangebote können dabei helfen. Beispielsweise werden in dem Podcast „Pop the Bubble“ Meinungen zusammengebracht, die absolut gegensätzlich zueinander sind. Die Macher versuchen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und verstehen zu lernen.

Ein weiteres interessantes Tool ist „Break the Bubble“. [Anm.: Nicht mehr erreichbar] Hier handelt es sich um das Gegenstück zu der Plattform „A Book like Foo“, auf der auf Basis von eigenen Vorlieben Bücher vorgeschlagen werden, die einem gefallen könnten. „Break The Bubble“ macht genau das Gegenteil. Gibt man zwei seiner Lieblingsbücher in das Suchfeld ein, bekommt man anschließend Bücher vorgeschlagen, die auf keinen Fall etwas mit der Thematik zu tun haben. Der Algorithmus lernt die jeweiligen Vorlieben besser, mit je mehr Lieblingsbüchern er gefüttert wird.

Beispielsweise empfiehlt der „Break The Bubble“-Algorithmus bei einer Auswahl von Büchern aus dem Genre „Finanzen“ eine Reihe von Büchern über Religion und Spiritualität.

Der Vorteil? Abseits der einschlägigen Online-Shop-Algorithmen können Bücher entdeckt werden, denen man sonst nie Beachtung geschenkt hätte. Hier bietet sich die Chance, über den Tellerrand hinauszublicken und sich mit Themen zu beschäftigen, die einem in der eigenen Filterblase normalerweise nie begegnen. Und was wäre dafür besser geeignet als ein Buch?